Daniel Friedrich im Interview

Tarifrunde 2020/2021:

(03.12.2020) IG Metall-Bezirksleiter Daniel Friedrich ber sichere Jobs, mehr Geld und Warnstreiks. Das Interview aus dem Weser Report im Wortlaut.

Daniel Friedrich, seit 2019 Bezirksleiter der IG Metall Kste, verhandelt fr die Beschftigten der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie. Die Tarifrunde fr sie beginnt am 14. Dezember in Hamburg. Foto: IG Metall Kste/Isadora Tast

Weser Report: Herr Friedrich, die IG Metall geht mit einem Forderungsvolumen von vier Prozent in die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie, obwohl die Wirtschaft in der Krise steckt. Die Wirtschaftsweisen gehen davon aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 5,1 Prozent schrumpft und 2021 nur um 3,7 Prozent wchst. Warum dann vier Prozent mehr?

Daniel Friedrich: Wenn man die Entwicklung der Produktivitt betrachtet und das Inflationsziel der Europischen Zentralbank, ergibt sich ein Verteilungsspielraum von drei bis dreieinhalb Prozent. Und fr 2021 sehen die wirtschaftlichen Daten ja schon wieder besser aus. Auerdem hatten wir 2020 schon eine Nullrunde. Darum mssen wir gucken, dass die Beschftigten bei der Kaufkraft nicht abgehngt werden. Unsere Forderung stellt ja ein Volumen dar. Das wollen wir nutzen, um die Beschftigung zu sichern, die Zukunft zu organisieren und die Kaufkraft der Kolleginnen und Kollegen zu stabilisieren.

In der Metall- und Elektroindustrie gibt es Unternehmen, die tief in der Krise stecken, und solche, denen es trotz Corona gut geht. Wie bekommen sie alle unter einen Tarifvertrag?

Wir mssen weitere Instrumente zur Sicherung der Beschftigung in den Werkzeugkasten aufnehmen, den wir durch den Flchentarifvertrag den Unternehmen zur Verfgung stellen. Ein Beispiel ist die Vier-Tage-Woche. Wenn es Beschftigungsprobleme gibt, kann man nicht nur die Arbeitszeit reduzieren, sondern auch die Zahl der Arbeitstage. Das hilft und ist auch ein Wert an sich, wenn man einen freien Tag hat. Wir mssen in den Betrieben differenzierte Mglichkeiten entwickeln.

Dem Unternehmen hilft eine Vier-Tage-Woche nur, wenn dann auch die Kosten sinken, die Beschftigten also weniger verdienen, wenn sie weniger arbeiten.

Die Betriebe, die enorme Probleme haben, haben grtenteils ja schon Kurzarbeit eingefhrt und so die Kosten erheblich gesenkt. Die Beschftigten dort haben in der Regel bereits Einkommensverluste. Aber wenn ein Betrieb ein Strukturproblem hat, kann er das nicht ber die Kostenfrage lsen, sondern nur durch eine intelligentere Struktur. Die kann aber nicht im Flchentarifvertrag festgeschrieben werden, sondern muss im Betrieb geregelt werden. Wir werden deshalb ein Spannungsfeld haben zwischen einem Flchentarifvertrag und der Anwendung im Betrieb. Dafr mssen wir intelligente Lsungen finden. Da reicht es nicht, nur auf die Kosten zu gucken. Das sehen wir gerade im Schiffbau. Da haben viele Betriebe das Kostenthema so weit getrieben, dass sie jetzt Probleme bekommen mit der Qualitt ihrer Produkte.

Teil einer intelligenten Lsung wre die Weiterqualifizierung der Beschftigten. Was wollen Sie da erreichen?

Wo Vernderungen stattfinden, knnte man die Arbeit an vier Tagen in der Woche erledigen und am fnften Tag die Qualifizierung organisieren. Das htte Charme. Uns ist aber klar, dass die Zukunftssicherung weitgehend im Betrieb geregelt werden muss. Der Flchentarifvertrag kann da nur den Rahmen setzen, die Ausgestaltung muss im Betrieb erfolgen.

Bisher hatte die Gewerkschaft darauf gepocht, dass mglichst viel im Flchentarifvertrag geregelt wird und nur wenig im Betrieb. Kehrt sich das jetzt um?

Wir haben auch schon in den letzten Jahren Regeln auf betrieblicher Ebene vereinbart. Aber betriebliche Regelungen werden wichtiger. Deshalb mssen wir uns in der Tarifrunde mit dem Arbeitgeberverband auch auf Verfahren verstndigen, wie knftig betriebliche Regelungen erreicht werden sollen. Solche Verfahrensregelungen fr Zukunftstarifvertrge sind eine weitere wichtige Forderung von uns. Bisher haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Betriebe erst auf uns zukommen, wenn die Belegschaft auf etwas verzichten soll, weil der Standort sonst gefhrdet sei. Aber betriebliche Regelungen mssen ja nicht immer einen Verzicht bedeuten. Wir wollen schon viel frher mit dem Arbeitgeber, mit dem Arbeitgeberverband in einen Austausch ber die Zukunftssicherung kommen.

Das ist doch Aufgabe des Betriebsrats?

Wenn im Betrieb tarifliche Regelungen getroffen werden sollen, mssen sie mit der Gewerkschaft getroffen werden. Der Betriebsrat ist dafr nicht zustndig und das schwchste Glied.

Was knnte ein betrieblicher Zukunftsvertrag zum Bespiel regeln?

Den Aufbau von Arbeitszeitkonten, von Sicherheitsarbeitskonten. In guten Zeiten wird mehr gearbeitet und in schlechteren dafr weniger. Die Vereinbarung von Innovationen und Investitionen oder die Beteiligung der Beschftigten bei Vernderungsprozessen.

Ein Teil der von Ihnen geforderten vier Prozent soll auch fr die Sicherung von Arbeitspltzen eingesetzt werden und nicht nur fr die Erhhung der Lhne. Wer in einem gut gehenden Betrieb arbeitet und keine Instrumente zur Beschftigungssicherung braucht, dessen Lohn steigt also strker als der von Kollegen, deren Beschftigung gefhrdet ist?

Das ist ein Teil der Logik. Wenn die Beschftigung gesichert ist, spricht nichts dagegen, das Volumen an die Belegschaft auszuschtten. Und dort, wo die Beschftigung gerade unsicher ist und die Beschftigten den groen Wunsch nach Arbeitsplatzsicherheit haben, gibt es dann Mechanismen, einen Teil des Volumens dafr einzusetzen.

Sie fordern auch, dass die Arbeitszeit im Osten an die des Westens angeglichen wird, also von 38 auf 35 Wochenstunden sinkt. Ist das in der Corona-Krise angebracht?

Das Thema werden wir in die Tarifgesprche einbringen, aber klar ist, es gab schon bessere Situationen, in denen man es htte lsen mssen. Das holt uns jetzt ein. Aber, die Arbeitszeitmauer muss doch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung endlich abgebaut werden.

Im Mrz endet die Friedenspflicht. Dann sind Warnstreiks erlaubt. Wie sehen die aus whrend der Corona-Pandemie?

Es gibt da viele Ideen. Vor zwei Wochen haben wir in Hamburg zum Warnstreik im Heizungsbau aufgerufen. Die Beschftigten standen mit Fahnen und in Abstand vor den Betrieben. Wer einer Risikogruppe angehrt, beteiligte sich am Warnstreik, indem er nach Hause fuhr. Aber ich kann auch mit einer Stichnadel-Taktik einen Betrieb lahmlegen. Unsere Absicht ist es jedoch, in der Friedenspflicht einen Abschluss zu erreichen.

Das Interview ist am 23. November 2020 im Weser-Report erschienen.



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